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Letzte Aktualisierung: Juli 2026 · 7 Min. Lesezeit

WPS erstellen – Schritt-für-Schritt Anleitung

Eine Schweißanweisung (WPS) entsteht nicht im leeren Raum. Sie geht aus dem konkreten Bauteil, einer qualifizierten WPQR und dem ausgewählten Schweißverfahren hervor. Diese Anleitung zeigt den 4-Schritte-Workflow, mit dem Sie in der Praxis eine normkonforme WPS nach ISO 15609-1 erstellen.

Was Sie vor dem Erstellen brauchen

Bevor Sie mit dem Ausfüllen beginnen, sollten diese Voraussetzungen geklärt sein:

  • Werkstoff und Werkstoffgruppe: Bezeichnung nach EN 10025 (z. B. S355J2) und Zuordnung zur Werkstoffgruppe nach ISO/TR 15608 (z. B. 1.2 für unlegierte Baustähle).
  • Schweißverfahren: MAG (135), WIG (141), E-Hand (111) oder UP (121) nach ISO 4063.
  • Geltungsbereich einer bestehenden WPQR: Welche Werkstoffe, Dicken und Positionen deckt die Verfahrensprüfung ab, die als Grundlage dienen soll?
  • Bauteilanforderungen: Dickenbereich, Blechdicke, Nahtart (Stumpf-/Kehlnaht), Position (PA-PF), ggf. erforderliche Güte (EXC1–EXC4 nach EN 1090-2).
  • Freigabe-Berechtigung: Die WPS muss durch eine Schweißaufsichtsperson (IWE / IWT / IWS) freigegeben werden — stellen Sie sicher, dass diese Person im FPC-Handbuch benannt ist.

Schritt 1: Anwendungsfall definieren

Halten Sie die Eckdaten des Bauteils in einem Satz fest. Diese fünf Fragen reichen für eine erste WPS-Skizze:

  1. Welcher Werkstoff wird geschweißt? (z. B. S355J2)
  2. Welche Blechdicke? (z. B. 8–20 mm)
  3. Stumpfnaht oder Kehlnaht?
  4. Schweißposition (PA, PB, …)?
  5. Welches Schweißverfahren kommt zum Einsatz? (in der Regel MAG)

Beispiel:

Material:    S355J2 (EN 10025-2), Gruppe 1.2
Nahtart:     Stumpfnaht (BW), V-Naht 60°
Dickenbereich: 8 - 20 mm
Position:    PA, PB
Verfahren:   135 (MAG-Schweißen)
EXC:         EXC2 (Ausführungsklasse nach EN 1090-2, Anhang B)

Schritt 2: Parameter festlegen

Die Schweißparameter (Strom, Spannung, Vorschub, Streckenenergie) stammen aus der WPQR, die diese Schweißaufgabe abdeckt. Typische Quellen:

  • Eigene, vorhandene WPQR aus dem FPC-Handbuch — wenn die Material-/Dicken-/Positionskombination passt.
  • Standard-Schweißanweisung nach ISO 15612 — die einzige Form der Qualifizierung, die von einem anderen Hersteller übernommen werden darf. Nach EN 1090-2:2018, Tabelle 12 ist sie in EXC2 zulässig, in EXC3/EXC4 nur, wenn die Ausführungsspezifikation es ausdrücklich erlaubt.
  • Verfahrensprüfung durch SLV / TÜV — wenn keine bestehende WPQR die Anforderungen abdeckt.

Beispiel für typische MAG-Parameter an S355J2 (10 mm):

ParameterWert
Verfahren135 (MAG)
SchutzgasM21 (Ar + 18 % CO₂)
GrundwerkstoffGruppe 1.2 (S355J2+N)
Dickenbereich5 – 20 mm
NahtformV-Naht (60°)
SchweißpositionPA
Strom (Lage 1)160 – 200 A
Spannung22 – 26 V
Streckenenergie E0,8 – 1,8 kJ/mm

Die Werte werden als Bereich (nicht als Festwert) in die WPS übernommen — so bleibt die Produktionsflexibilität erhalten, ohne die WPQR-Abdeckung zu verlassen.

Schritt 3: WPS ausfüllen

Übertragen Sie alle Eingaben aus den Schritten 1 und 2 in das WPS-Formular nach ISO 15609-1. Eine vollständige WPS-Vorlage mit ausgefülltem Muster finden Sie auf unserer separaten Seite. Pflichtfelder sind:

  • Herstellerangaben, WPS-Nr., Revision, Datum, Freigabe-Feld
  • Schweißverfahren (Verfahrensnummer nach ISO 4063, Einlagen-/Mehrlagenausführung)
  • Grundwerkstoff mit Werkstoffbezeichnung, Werkstoffgruppe nach ISO/TR 15608 und Dicken-/Durchmesserbereich
  • Schweißzusatz (Norm, Typ, Durchmesser, Lagerung)
  • Schutzgas nach ISO 14175 mit Durchfluss
  • Schweißpositionen (PA, PB, …)
  • Schweißparameter als Bereich (Strom, Spannung, Vorschub, Streckenenergie)
  • Vorwärm- und Zwischenlagentemperatur
  • Wärmenachbehandlung (PWHT), falls zutreffend
  • Verweis auf qualifizierende WPQR (WPQR-Nr. + Geltungsbereich)

Die Software prüft beim Ausfüllen, ob alle Pflichtfelder befüllt sind und die Eingaben zur gewählten WPQR passen. Im manuellen Excel-/Word-Prozess müssen Sie das selbst im Blick behalten — und sich an die ISO-15609-1-Pflichtfeldliste halten.

Schritt 4: WPQR-Abgleich und Freigabe

Vor der Freigabe muss der WPQR-Abgleich dokumentiert sein:

  1. Werkstoff, Werkstoffgruppe, Dickenbereich und Schweißpositionen der WPS liegen innerhalb des Geltungsbereichs der qualifizierenden WPQR.
  2. Die gewählten Schweißparameter (Strom/Spannung/Vorschub) liegen im parameterbereich, der durch die WPQR abgedeckt ist.
  3. Vorwärm- und Zwischenlagentemperatur stimmen mit den WPQR-Vorgaben überein.

Erst danach darf die WPS durch eine Schweißaufsichtsperson (IWE / IWT / IWS) freigegeben und im FPC-Handbuch dokumentiert werden. Eine WPS ohne diesen WPQR-Abgleich ist im Audit nach EN 1090 nicht bestätigungsfähig.

Ob eine konkrete WPQR noch für Ihre Schweißaufgabe ausreicht, prüfen Sie schnell mit dem WPQR-Gültigkeits-Checker oder lesen Sie unsere Anleitung zur WPQR-Erstellung.

Praxisbeispiel: MAG an S355J2, 10 mm

Zur Veranschaulichung der Schritte 1–4 folgt eine WPS, wie sie in einem typischen mittelständischen Stahlbaubetrieb entsteht:

WPS-Nr.:     WPS-MAG-S355-002
Verfahren:   135 (MAG)
Werkstoff:   S355J2 (EN 10025-2), Gruppe 1.2
Dicke:       5 - 20 mm
Position:    PA, PB
Schutzgas:   M21 (12-15 l/min)
Zusatz:      G 42 4 M G3Si1, Ø 1,0 mm
Strom:       160-200 A
Spannung:    22-26 V
Vorschub:    5,0-6,5 m/min
v (Geschw.): 25-40 cm/min
E (Strecke): 0,8-1,8 kJ/mm
Vorwärmung:  nach EN 1011-2, Anhang C ermitteln (hier: ≥ 20 °C)
Zwischenl.:  ≤ 200 °C
WPQR:        WPQR-MAG-S355-2025-04 (SLV München)
Freigabe:    [Name IWE], Datum [tt.mm.jjjj]

Diese WPS können Sie als Ausgangspunkt für eigene Anwendungsfälle übernehmen — passen Sie Dickenbereich, Positionen und WPQR-Verweis an Ihren Betrieb an.

WPS erstellen – manuell oder mit Software?

Manuell (Excel / Word)

Sie pflegen Felder manuell, kontrollieren die ISO-15609-1-Pflichtliste selbst und gleichen die WPS per Hand gegen die WPQR ab. Bei wenigen WPS/Jahr vertretbar; ab 20+ WPS/Jahr fehleranfällig.

WPS-Vorlage herunterladen →

Online-Editor

Werkstoff und Verfahren wählen — Pflichtfelder füllen sich von selbst, der WPQR-Abgleich läuft automatisch im Hintergrund, das Ergebnis liegt als PDF nach ISO 15609-1 vor.

Kostenlos testen →

Was bei der WPS-Erstellung von Hand schiefgeht

Die Fehler, die im Audit auffallen, entstehen selten beim Ausfüllen. Sie entstehen davor und danach — beim Kopieren, beim Verteilen und beim Nachhalten. Fünf Muster kommen immer wieder:

  • Die Vorlage wird kopiert, der Geltungsbereich nicht. Eine bestehende WPS wird für einen neuen Auftrag umgeschrieben — anderer Werkstoff, andere Dicke, andere Position —, der Verweis auf die Verfahrensprüfung bleibt aber stehen. Die WPS sieht vollständig aus und deckt den Fall trotzdem nicht ab.
  • Pflichtangaben fehlen unbemerkt. ISO 15609-1:2019 verlangt, dass die Schweißanweisung alle für die Herstellung der Schweißnaht notwendigen Angaben enthält, und dass sie auf die Verfahrensprüfung (WPQR) oder die entsprechenden Unterlagen verweist. Eine Excel-Vorlage kennt diese Liste nicht — sie prüft nichts, sie speichert nur.
  • Zwei Fassungen sind gleichzeitig im Umlauf. Die korrigierte WPS liegt im Büro, die Werkstatt arbeitet nach dem ausgedruckten Vorgänger. Ohne Revisionsstand am Dokument fällt das erst auf, wenn jemand die Naht prüft.
  • Die Schweißerqualifikation wird getrennt geführt. Wer welche WPS ausführen darf, steht in einer zweiten Liste — und beim Einsatz gleicht sie niemand ab. Abgelaufene oder nicht abdeckende Qualifikationen fallen dann erst im Nachhinein auf.
  • Die Freigabe ist nicht nachvollziehbar. Wer die WPS freigegeben hat und wann, steht auf dem Papierausdruck — im Zweifel gar nicht. Für die Nachweisführung ist das die teuerste der fünf Lücken, weil sie sich nachträglich nicht schließen lässt.

Keines dieser Muster ist ein Wissensproblem. Sie entstehen, weil WPS, Verfahrensprüfung und Schweißerqualifikation in getrennten Dateien liegen und niemand sie beim Anlegen gegeneinander hält.

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