WPQR erstellen – Verfahrensprüfung nach ISO 15614-1
Eine WPQR (Verfahrensprüfzeugnis) ist die formale Qualifizierung Ihres Schweißverfahrens. Sie entsteht nicht am Schreibtisch, sondern durch eine praktische Verfahrensprüfung beim SLV, TÜV oder einer anderen akkreditierten Prüfstelle. Diese Seite erklärt Ablauf, Prüfumfang, Geltungsbereich und die typische Frage „Brauche ich eine neue WPQR?“.
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Was eine WPQR leistet — und was nicht
Eine WPQR (Welding Procedure Qualification Record) ist das Ergebnis einer Verfahrensprüfung nach ISO 15614-1 (für Stahl). Sie dokumentiert nachprüfbar, dass ein bestimmtes Schweißverfahren an einem bestimmten Werkstoff mit bestimmten Parametern die geforderten mechanisch-technologischen Eigenschaften erreicht — gemessen an zerstörenden und zerstörungsfreien Prüfungen an Prüfstücken.
Die WPQR ist Voraussetzung dafür, dass auf ihrer Basis eine WPS (Schweißanweisung) erstellt und im Produktionsalltag eingesetzt werden darf. Ohne passende WPQR ist die WPS nicht auditierbar — weder im Rahmen der EN 1090 noch im Auftragsfall.
Eine WPQR ist NICHT:
- Eine Schweißerprüfung (die regelt ISO 9606-1 — siehe nächster Abschnitt).
- Auf andere Betriebe übertragbar — eine Verfahrensprüfung nach ISO 15614-1 wird für einen bestimmten Hersteller ausgestellt und gilt nur für dessen Fertigung. Fremde WPQR dürfen nicht einfach übernommen werden. Der Weg zu einer übertragbaren Qualifizierung führt über die Standard-Schweißanweisung nach ISO 15612 — nach EN 1090-2:2018, Tabelle 12 in EXC2 zulässig, in EXC3/EXC4 nur, wenn die Ausführungsspezifikation es ausdrücklich erlaubt.
- Ein Produkt-Zeugnis — weder WPS noch WPQR bestätigen ein einzelnes Bauteil; das geschieht über die Werkprüfbescheinigung nach EN 10204 (z. B. 3.1 / 3.2).
Abgrenzung: WPQR vs. Schweißerprüfung (ISO 9606)
In der Praxis werden WPQR und Schweißerprüfung oft verwechselt. Die Tabelle grenzt die beiden Qualifikationen ab:
| Aspekt | WPQR | Schweißerprüfung |
|---|---|---|
| Norm | ISO 15614-1 (Stahl) | ISO 9606-1 (Stahl) |
| Gegenstand | Verfahren + Parameter | Schweißer / Bediener |
| Ausgestellt durch | SLV / TÜV / akkreditierte Prüfstelle | SLV / TÜV / akkreditierte Prüfstelle |
| Bezug zur WPS | WPQR ist Voraussetzung für die WPS-Erstellung | Schweißer muss die WPS umsetzen können |
| Gültigkeit | Unbefristet im Geltungsbereich, sofern Verfahrensregeln eingehalten bleiben | Bestätigung alle 6 Monate durch die Schweißaufsicht (ISO 9606-1:2012, 9.1/9.2). Verlängerung nach 9.3 auf einem von drei Wegen: Wiederholungsprüfung alle 3 Jahre, Prüfung zweier Arbeitsproben alle 2 Jahre oder unbefristete Gültigkeit beim selben Hersteller mit verifiziertem ISO-3834-2/-3-Qualitätsprogramm |
Ablauf einer Verfahrensprüfung
Eine WPQR entsteht nicht auf Anforderung des Schweißers, sondern wird durch den Betrieb beauftragt. Typischer Ablauf:
1. Vorab-Klärung
- Benötigter Geltungsbereich (Werkstoffgruppe nach ISO/TR 15608, Dicken, Positionen, Verfahren, Mehrlagig/Einlagig).
- Welche bestehenden WPQR im eigenen Bestand sind bereits ausreichend?
- Ist eine Hersteller-Standard-WPQR (z. B. vom Schweißzusatz-Lieferanten) nutzbar?
2. Beauftragung einer Prüfstelle
Typische Anbieter sind SLV München, SLV Halle, TÜV SÜD, TÜV Rheinland, DEKRA. Die Kosten hängen stark von Werkstoff, Verfahren, Prüfumfang und Anzahl der Prüfstücke ab; verbindlich ist allein das Angebot der Prüfstelle. Holen Sie mindestens zwei Angebote ein und planen Sie Vorlauf für die Terminvergabe ein.
3. Schweißen der Prüfstücke
Der Betrieb schweißt unter Aufsicht der Prüfstelle ein oder mehrere Prüfstücke gemäß der geplanten Verfahrensbeschreibung (pWPS — preliminary WPS). Typische Prüfstücke sind:
- Stumpfnaht: zwei Bleche, V-Naht — nach ISO 15614-1:2017, Bild 1 mindestens 150 mm breit je Blech und mindestens 350 mm Nahtlänge
- Kehlnaht: T-Stoß, 2 Bleche 200×150 mm + 200×100 mm
- Rohr: 2 Rohrhälften Ø 168 mm, 5 mm Wandstärke
Zu protokollieren sind alle realen Schweißparameter: Stromstärke, Drahtvorschub, Gasfluss, Pendelbewegung, Brennerwinkel. Diese Daten werden in der WPQR festgehalten und bestimmen später den Geltungsbereich.
4. Prüfung
- Visuelle Prüfung (VT) der Schweißnähte.
- Zerstörungsfreie Prüfung (ZfP) je nach Anforderung: Magnetpulver (MT), Ultraschall (UT), Eindringprüfung (PT).
- Zerstörende Prüfung: Biegeproben (Quer-/Längsbiegung), Bruchproben, Schliffproben (Makroschliff), ggf. Härteprüfung.
Prüfumfang und Bewertungskriterien stehen in ISO 15614-1. Die Werkstoffkombination und Blechdicke bestimmen, welche Prüfungen mindestens erforderlich sind.
5. Ergebnis und WPQR-Ausstellung
Bei bestandener Prüfung erstellt die Prüfstelle das Verfahrensprüfzeugnis (WPQR) auf einem standardisierten Vordruck (p-WPS-Angaben + Prüfergebnisse + Geltungsbereich). Das Original verbleibt beim Betrieb; eine Kopie wird archiviert.
Im Audit prüft der Zertifizierer (z. B. TÜV im Rahmen der EN-1090-Werkseigene Produktionskontrolle), ob die im Betrieb verwendeten WPS durch gültige WPQR gedeckt sind.
Geltungsbereich — wann eine neue WPQR nötig wird
Eine WPQR deckt nicht beliebige Schweißaufgaben ab, sondern nur diejenigen, die innerhalb ihres Geltungsbereichs liegen. Die folgenden Parameter legen den Geltungsbereich fest (Auszug aus ISO 15614-1):
- Werkstoffgruppe nach ISO/TR 15608 (z. B. 1.2 für unlegierte Baustähle wie S355)
- Blechdicke (Multi-Range-Regel: pro qualifizierter Dicke ergibt sich ein erweiterter Bereich)
- Schweißposition (qualifizierte Position deckt i. d. R. mehrere „leicht“-Stufen ab, aber z. B. nicht alle Rohrpositionen)
- Verfahren (qualifiziertes Verfahren nach ISO 4063)
- Nahtart (Stumpfnaht ≠ Kehlnaht)
- Schweißparameter-Bereich (Strom, Spannung, Vorschub, Streckenenergie)
Faustregel: Im Zweifel eine neue WPQR erstellen
Wenn Werkstoff, Dicke oder Position außerhalb des dokumentierten Bereichs liegt, ist eine neue WPQR nötig. Der Versuch, die fehlende Abdeckung mit einer kreativen Auslegung der bestehenden WPQR zu „erklären“, ist eine der häufigsten Audit-Schwächen.
Ob eine vorhandene WPQR noch für Ihr Bauteil ausreicht, prüfen Sie mit dem WPQR-Gültigkeits-Checker in 60 Sekunden. Tiefergehende Regeln zum Geltungsbereich finden Sie auf unserer ISO 15614-1-Übersichtsseite.
Kosten, Dauer, Prüfstellen
Die Investition für eine WPQR-Verfahrensprüfung ist moderat im Verhältnis zu dem Risiko, das sie absichert. Grobe Orientierung (Stand 2026):
| Posten | Richtwert |
|---|---|
| Prüfstücke herstellen + Werkstoff/WPQR-Anteil | ca. 800 – 2.000 € |
| Prüfstelle (Stahl, MAG, Standard) | ca. 1.500 – 3.500 € |
| Erweiterte Prüfung (Wurzellage, WIG, UP, Sonderwerkstoff) | ca. 3.000 – 5.000 € |
| Gesamt-Dauer | 6 – 12 Wochen (Termin Vorlauf) |
Akkreditierte Prüfstellen in Deutschland sind z. B. SLV München, SLV Halle, TÜV SÜD Industrie Service, TÜV Rheinland, DEKRA. Viele Anbieter bieten auch Kombi-Termine für mehrere parallel laufende WPQR an — bei größeren Schweißprogrammen empfiehlt sich das.
Prüfstücke und Prüfumfang
Die ISO 15614-1 definiert abhängig von Werkstoff und Blechdicke die Mindestanzahl und Art der Prüfstücke sowie den Prüfumfang. Für den Stahlbau nach EN 1090-2 gilt dabei Level 2 (EN 1090-2:2018, Tabelle 12, Fußnote a). Eine durchgeschweißte Stumpfnaht verlangt nach ISO 15614-1:2017, Tabelle 2 (Level 2) diesen Prüfumfang:
- Sichtprüfung (VT), 100 %
- Durchstrahlungs- oder Ultraschallprüfung (RT oder UT)
- Oberflächenrissprüfung (MT oder PT)
- Querzugversuch
- Querbiegeversuch
- Kerbschlagbiegeversuch
- Härteprüfung
- Makroskopische Untersuchung (Makroschliff)
Für welche Werkstoffgruppen und Dicken einzelne Prüfungen entfallen oder zusätzlich gefordert sind, steht in den Fußnoten derselben Tabelle — die Prüfstelle legt den konkreten Prüfplan fest. Anzahl und Lage der Proben nimmt die Prüfstelle aus dem Prüfstück nach Bild 3 der Norm.
Bei Rohrschweißungen, WIG, UP und Sonderwerkstoffen kommen weitere Prüfungen dazu (z. B. Kerbschlagbiegeversuch für Tieftemperaturanwendungen). Lassen Sie sich von der Prüfstelle einen detaillierten Prüfplan vorab bestätigen.
Typische Praxisfragen
Wir haben einen neuen Werkstoff (S460). Brauchen wir eine neue WPQR?
Wahrscheinlich ja. Die normalisierten Sorten (S460N/NL) liegen in Werkstoffgruppe 1.3 nach ISO/TR 15608, die thermomechanisch gewalzten (S460M/ML) dagegen in Gruppe 2 — in beiden Fällen deckt eine WPQR für Gruppe 1.2 (S235/S355) sie nicht ab. Prüfen Sie zuerst, welche Lieferform Ihr Werkstoff hat. Prüfen Sie mit dem Gültigkeits-Checker, ob Ihre bestehende WPQR die Erweiterungsregeln erfüllt.
Wir haben die Schweißparameter angepasst (höherer Strom). Reicht das in der WPS, oder ist eine neue WPQR nötig?
Wenn der neue Parameter außerhalb des dokumentierten Bereichs der qualifizierenden WPQR liegt, ja. Die WPS darf nur Parameterbereiche abdecken, die innerhalb der WPQR liegen — sonst ist die Qualifikation formal nicht mehr gegeben.
Wir wollen von MAG auf WIG für ein neues Bauteil umstellen. Was ist zu tun?
Eine neue WPQR für das WIG-Verfahren (141 nach ISO 4063) ist erforderlich — WPS und WPQR sind verfahrensspezifisch. Die bestehende MAG-WPQR deckt WIG nicht ab.